REHOME

ein neues Zuhause geben

Ich liebe schöne Worte, einzelne, wohl klingende Worte, die ihren Sinn ganz genau auf den Punkt bringen und die es sogar vermögen, haargenau zu sagen, was ich persönlich ausdrücken möchte. Worte, die auf ihre wundersame Art meine Gedanken unterstreichen. Letztens ist mir wieder ein solches begegnet: Rehome. Ich habe es bestimmt schon gehört, aber eben, es hat wohl auf den richtigen Augenblick gewartet, dass ich seinen wirklichen Sinn greifen und verstehen kann. Jetzt ist es da und ich mache mir Gedanken darüber und es gefällt mir von Moment zu Moment immer mehr und darum möchte ich es und meine Interpretation davon mit dir teilen.

Das ist ein Bild aus meinem Projekt und der Cardigan, ja, der ist eines dieser Stücke, die ich einmal in einem Secondhandladen ergattert und denen ich quasi ein neues zu Hause gegeben habe.


Ich liebe es in Secondhand Shops zu stöbern und nach neuen Schätzen zu graben, sie sorgsam auszuwählen und ihnen irgendwie ein neues zu Hause zu geben. Ich bin unterdessen an einem Punkt angelangt, wo ich sogar immer, wenn ich etwas brauche, zuerst überlege, ob ich es eventuell auch ausleihen oder eben secondhand bekommen könnte - das wäre die BUYERARCHY OF NEEDS, aber dazu ein anderes Mal mehr. Und ja, ich finde es auch ganz praktisch meine nicht mehr gebrauchten Dinge wieder dort hin zu bringen, ganz nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn und Hauptsache ich schmeiss es nicht weg. Wie lange es dann in dem Laden hängen oder stehen wird, ob es jemand kaufen wird oder ob es schon bald im Müll landet, darüber habe ich mir lange keine Gedanken gemacht. Hauptsache es bekommt die Chance, von jemand anderem gekauft zu werden.


Genau da kommt jetzt dieses hübsche Wort ins Spiel: Rehome. Denn, trage nicht ich die Verantwortung für die von mir genutzten Ressourcen im Rahmen von materiellen Dingen? Wenn ich jetzt zum Beispiel ein Kleid weggeben "entsorgen" möchte, bleiben mir folgende Möglichkeiten:

  1. Ich könnte es, was am einfachsten wäre, in den Müll werfen, wo es einfach in der Verbrennungsanlage landen würde.
  2. Ich könnte es im Sack in einen TexAid Container werfen, so würde es wahrscheinlich in einem Drittweltland mit etlichen Artgenossen auf einem Markt landen und gewissermassen das lokale Gewerbe und die lokale Kreativität beeinträchtigen, da die Leute ja keinen Grund mehr hätten, selber Brands zu gründen und Kleider herzustellen. Du meinst, dass dafür in diesen Ländern nicht genügend Geld wäre... Mag sein, aber wir könnten sie monetär in der Firmengründung unterstützen anstelle sie mit Material zu überfluten und  - aber jetzt schweife ich ab.
  3. Ich könnte es es an die Berghilfe spenden, was eine ziemlich gute Sache ist, denn da landet das Material - so viel ich weiss - in der Schweiz bei Personen, die es wirklich nötig haben.
  4. Ich könnte es an einen Secondhandladen spenden, das einzig schade daran ist einfach, dass NUR 10% an solche Geschäfte gespendete Kleidung wird wirklich von jemandem gekauft. 90% landen im Export oder im Müll. Schade, nicht?
  5. Ich könnte es mit anderen an einer Kleider-Tausch-Party tauschen.
  6. Rehome: Ich sorge dafür, dass das Kleid "ein neues zu Hause" bekommt. Sprich: Ich verschenke es an eine Freundin - natürlich nur, wenn es ihr gefällt, ich verkaufe es zu einem symbolischen Betrag auf einem Flohmarkt, auf einer online Plattform wie Ricardo oder Tutti oder auf Kleiderberg.ch.


Was heisst es, Verantwortung für unsere materiellen Güten und unsere endlichen Ressourcen zu übernehmen? Wie weit geht meine Verantwortung? Wie lange liegen Aufwand und Ertrag noch in einer guten Balance? Ich kann diese Fragen nur für mich und niemand anderes beantworten. Doch in jedem Teil stecken wertvolle Rohstoffe, für jedes Teil wurde eine Menge Wasser verwendet und gereinigt oder verschmutzt zurück in den Fluss geführt. In jedem Stück steckt menschliche Arbeit, und, wenn man all die Unfälle, die vor allem in Fast Fashion Fabriken passieren, beachtet, sogar etwas Blut und auf jeden Fall viele Tränen. Wir müssen uns bewusst sein, dass oft viel mehr dahinter steckt, als wir auf dem Preisschild lesen können und die wahren Kosten eines Stücks können wir wohl nicht einmal erahnen. Ich zumindest, will das beachten, wenn ich das nächste Mal ein Gegenstand, sei es Kleidung oder nicht, aussortiere. Und ja, ich will mich darum bemühen, ein neues Zuhause dafür zu finden.

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Zippora Marti 

Schweiz

zippora.marti@gmail.com