sehen und lieben.

- MARSEILLE -

Der Zug rattert, irgendwas quietscht, es buttelt mich hin und her und vor dem Fenster ziehen Häuser, Felder, Städte und Seen vorbei. Alles irgendwie bekannt und dennoch neu. Zwischen dem Grau der Städte leuchtet das Grün der letzten Sommertage, gesättigt von Sonne und Wärme. Ich ziehe meine Kopfhörer an um die Stimmung mit dem gewünschten Soundtrack zu unterlegen und das Quietschen des Zuges zu übertönen. 


Hach, wie wunderbar es dann erst ist, am anderen Ende der Reise auszusteigen, der Geruch vom heissen Eisen, Stimmen in fremden Sprachen zu hören und alle Sinne auf Empfang zu stellen. 


Bis ich gelernt habe eine Stadt auf meine Art und Weise zu entdecken, konnte ich solche Trips nicht leiden. Jetzt aber will ich sie nicht mehr missen. Ich musste lernen, dass ich nicht den ganzen Reiseführer abarbeiten muss. Ich kann geniessen. Zwei Stunden in einem Café sitzen und die Leute beobachten. Den ganzen Abend in einer lauschigen Bar zu sitzen und das Frühaufstehen zu verschlafen, auch wenn man dabei was richtig Tolles hätte entdecken können. Genau da sein, wo ich bin, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Den Moment zu lieben und zu wissen dass jetzt genau nicht anderes schöner sein kann. Ich glaube, es gibt viele Sachen in unserem Leben, die wir nicht einfachso lieben. Meine Eltern haben mich neun Monate lang durch mein damaliges Universum hindurch gestreichelt, was es mir leicht macht, ihnen zu vertrauen und sie zu lieben. Aber was ist mit allen oder allem Anderen? Alles und jeden, den ich mag musste ich irgendwie auf meine Art lieben lernen. Manchmal tuts weh und ich bin schon oft verzweifelt und in manchen Beziehungen werde ich wohl immer wieder endtäuscht werden, doch ich denke, dass es sich trotzdem lohnt, mich immer und immer wieder auf Neues einzulassen, verletzlich werden und zu lieben. 


Fast an jeder Ecke, Strassenlampe oder Tür habe ich den Sticker mit der simplen Aufschrift "j'existe" gefunden. Ich weiss nicht, was hinter dieser Bewegung steckt, aber es war für mich jedes Mal eine kleine Erinnerung an so was Wichtiges. Ich existiere. Ich lebe. Jetzt. Wie oft versuchen wir, verkrampft alle das Schöne auf Fotos festzuhalten, obwohl wir viel zu schlechte Fotografen sind um die gesamte Schönheit zu speichern. Wir kaufen Souvenirs und vergessen dabei total, dass wir all das Fremde und Angenehme gar nicht mit nach Hause nehmen können. Alles was bleibt, ist das Gefühl vom langsam schwindenden Moment. Tief einatmen. Den Moment aufsaugen. Die Zeit weiterziehen lassen. Ich lebe - jetzt. 


Als wir einmal beim Busfahren irgendwie bei einer komplett falsche Station ausgestiegen sind, stiess ich auf diese hübsche Schranktür, die einfach auf einem Haufen Müll lag-mal schauen was daraus wohl wird. Neben einem Nagellack (made in France)  und BIO Mohnsamen (freu dich - ich mach bald Mohneis!) ist das auch mein einziges Souvenir - Hach - ein soo leerer Koffer mit nach Hause nehmen  bin ich mir gar nicht gewohnt. 


Ist es so nicht umso schöner, neue Plätze zu entdecken?


Ja - sein wo ich bin. Die Augen offen halten. Mich umdrehen. Auf eine Stufe steigen. Tief einatmen. Das Schöne sehen. Alles in mich aufsaugen. Tief drin konservieren und mit nach Hause nehmen. ADIEU ma belle. 


 

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Zippora Marti 

Schweiz

zippora.marti@gmail.com